Aktuelles

Hier finden Sie aktuelle Projektmeldungen, Hinweise auf Veranstaltungen und Meldungen zum Thema in den Medien.

Juni 2024

Am 13. Juni 2024, 18 Uhr liest Manfred May aus der »edition H« in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt. Sie sind herzlich eingeladen. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Weitere Informationen zur Lesung finden Sie hier.

Anordnung der Heimerziehung – ein Verwaltungsakt entscheidet ungeachtet seiner harmlos klingenden Formulierung über das weitere Leben von Minderjährigen. Für die meisten vergehen Jahrzehnte, bis Erinnerungen an die Anordnung in den folgenden Jahren erzählt werden können. Manfred May berichtet von Drangsal und Schmerz, denen Kinder in Spezialkinderheimen, Jugendwerkhöfen und Durchgangsheimen ausgesetzt waren, und von ihren hartnäckigen Behauptungsbemühungen. Sie selbst kommen zu Wort, aber auch aus Akten und Protokollen ihrer Erzieherinnen und Erzieher wird zu hören sein.

Die Publikationsreihe »edition H« umfasst Selbstzeugnisse und Quellen zur repressiven DDR-Heimerziehung. Mit ihr gibt Manfred May dem Vertrauen, das ihm vom Betroffenen entgegengebracht wurde, eine ganz besondere Form. Erschienen sind bisher neun Bände.

Vor der Lesung wird der Dokumentarfilm »Verlorene Zeit« des Jenaer Filmemachers Torsten Eckold und der Historikerin Stefanie Falkenberg über das Durchgangsheim Schmiedefeld gezeigt. Betroffene erlebten in dieser DDR-Heimeinrichtung zum Teil monatelange Abgeschlossenheit und Ungewissheit. Sie berichten von ihren körperlichen und seelischen Verletzungen.

Die Lesung ist gleichzeitig Finissage für die Blackbox Heimerziehung und erfolgt in Kooperation mit dem Projekt des ThürAZ DENKOrte. Die Wanderausstellung der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau in einem umgebauten Seecontainer steht noch bis zum 13. Juni 2024 vor dem Haupteingang der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße.

April 2024

Ab dem 30. April 2024 wird die Blackbox Heimerziehung Station in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt machen. Das Plakat zum mobilen Denkzeichen und interaktiven Lernort finden Sie hier. Die Ausstellung wird bis zum 13. Juni 2024 vor Ort bleiben. Das Projekt Heimorte, genauer gesagt, der Projektkoordinator Manfred May ist angefragt worden, die Finissage zu gestalten. Sobald es mehr Informationen hierzu gibt, finden Sie diese hier.

Februar 2024

Vom 29. Februar bis 2. März 2024 findet die 16. Geschichtsmesse der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Suhl statt. Am Freitag, 1. März 2024, 15.30 Uhr, präsentieren wir dort unser Projekt „Virtuelle Gedenkstätte – Orte der Heimerziehung in Thüringen 1945-1990“ vor einem Fachpublikum und interessierten Multiplikatoren der historisch-politischen Bildung. Wir sind gespannt auf die Rückmeldungen und auf den Austausch auf der Geschichtsmesse 2024. Das Programm der Geschichtsmesse kann über folgenden Link angesehen werden.

Januar 2024

Am 16. Januar 2024 wurde in den Räumen des Bürgerkomitees des Landes Thüringen e. V. in Zella-Mehlis der Dokumentarfilm „Verlorene Zeit“ gezeigt. In dem 30-minütigen Film des Jenaer Filmemachers Torsten Eckold berichten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen über das ehemalige Durchgangsheim Schmiedefeld bei Neuhaus am Rennweg und schildern ihre Erfahrungen. Die Organisation der Veranstaltung übernahmen das befreundete Bildungs- und Forschungsprojekt DENKOrte („Vor Ort zum DENKOrt – Thüringer Orte der Repression, Opposition und Zivilcourage in der DDR“) und das Bürgerkomitee des Landes Thüringen e. V. in Zella-Mehlis. Wir waren auch dabei und unterstützten die Filmpremiere. Im Anschluss kamen wir mit den teilnehmenden Zeitzeugen, mit der Vertreterin der Thüringer Staatskanzlei und der Presse ins Gespräch. Einen Beitrag von Eike Kellermann gibt es hier zum Nachlesen.

Die finanzielle Unterstützung des Projektes durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung ist zwar beendet, aber die Forschungen gehen nach wie vor weiter. Anfang Januar 2024 wurden beispielsweise noch Recherchen aus dem Dezember 2023 im Thüringer Hauptstaatsarchiv Weimar getätigt. Es wurden vor allem Berichte der Arbeiter-und-Bauern-Inspektion des Bezirkskomitees Erfurt eingesehen.

Die sogenannte Arbeiter-und-Bauern-Inspektion (ABI) war eine Kontrollinstitution in der DDR, die die Erfüllung der Partei- und Regierungsbeschlüsse überprüfte. Das Kinderheim „Nikolai Ostrowski“ in Wenigenlupnitz wurde beispielsweise Ende 1973 aufgrund von baulichen Mängeln von der ABI überprüft. Anfang des Jahres 1973 wurden durch die staatliche Bauaufsicht Räume im Obergeschoss gesperrt. Das Kinderheim blieb aber weiter in Betrieb, die Versäumnisse der Abteilung Volksbildung des Rates des Bezirkes Erfurt wurden nicht weiter verfolgt. In den Dokumenten finden sich zahlreiche Hinweise zum Heim, zu dessen Ausstattung, den Mitarbeitern, der „Erziehungsarbeit“ und den Kapazitäten und Gruppengrößen im Heim. So zeigt sich beispielsweise, dass Planstellen für pädagogische Mitarbeiter oftmals nicht besetzt waren und die Fluktuation unter den Arbeitskräften in den Heimen sehr hoch war. Auch fehlten oftmals „technische Kräfte“ (Heizer, Hausmeister, Verwaltung) in den 1970er Jahren.

Auch andere Kinderheime wurden regelmäßig von der ABI überprüft, beispielsweise das Sonderschulheim „Ernst Thälmann“ in Wilhelmsthal, das Sonderschulheim Eisenach im Reuterweg, das Normalkinderheim „Jenny Marx“ in Eisenach, Kinderheim „Klara Zetkin“ in Apolda und viele mehr.

Die ABI-Berichte beispielsweise aus den Jahren 1973 und 1974 zu allen Heimen im Bezirk Erfurt bieten eine Momentaufnahme aller zu dieser Zeit im Bezirk Erfurt existierenden Heime und der Situation in den einzelnen Heimen aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Personalsituation, Bauzustand, erzieherische Schwierigkeiten, konzeptionelle Mängel.

In einem Bericht der ABI vom 30. August 1973 wird beispielsweise die „schulpolitische Situation im Kinderheim „Klara Zetkin“ Apolda beschrieben. Die Überprüfung erfolgte durch ein Mitglied des Rates des Bezirkes Erfurt, Genosse K., durch den Kreisschulrat und die Referatsleiterin Jugendhilfe. Im Ergebnis zeigten sich „Tendenzen des Zurückbleibens in der schulpolitischen Entwicklung“ und, dass „die politisch-pädagogische Situation nicht stabil genug ist, Kinder und Jugendliche entweichen und dabei kriminelle Handlungen begehen.“ Das Resümee des Berichtes war, „daß bei diesen Kindern und Jugendlichen die eingetretene soziale Fehlentwicklung nicht endgültig überwunden werden konnte.“ (alle Zitate aus: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Arbeiter- und Bauerninspektion, Bezirkskomitee Erfurt, Nr. 651, Bl. 31.) Die Aussage über kriminelle Handlungen von Kindern und Jugendlichen relativiert sich aus heutiger Sicht nicht nur an dieser Stelle, wenn man berücksichtigt, dass ein Großteil der „kriminellen Handlungen“ darin bestanden, die DDR illegal verlassen zu wollen. Noch größer wird dieser Anteil, wenn mit diesen Vorhaben in unmittelbaren Zusammenhang stehende Delikte wie Lebensmitteldiebstahl, unbefugtes Benutzen von Fahrzeugen berücksichtigt werden. Weitere Informationen zum Heim in Apolda werden in den Quellen deutlich. Im Sommer 1973 hatte dieses Normalkinderheim eine Kapazität von 53 Kindern und Jugendlichen, die in der Otto-Grotewohl-Schule Apolda von der 1. bis zur 10. Klasse beschult wurden. Als Einweisungsgründe wurden in der Quelle angegeben: Familienversagen mit bereits eingetretener sozialer Fehlentwicklung (50 % aller Heimkinder), Erziehungsschwierigkeiten (20 %). Die übrigen 30 % wurden aufgrund der Inhaftierung der Eltern, Krankheit der Eltern oder Tod der Eltern ins Heim eingewiesen. 

Im Kreisarchiv Sömmerda ist das sogenannte Übergabebuch der Mädchengruppe 2 des Jugendwerkhofs Gebesee von 1987/88 aufbewahrt. Diese Quelle stammt aus dem umfangreichen Bestand zum Jugendwerkhof Gebesee im Kreisarchiv Sömmerda. Freundlicherweise konnte das Übergabebuch im Kreisarchiv Schmalkalden-Meiningen ausführlich eingesehen, was einige Fahrkilometer ersparte. In diesem Buch haben die Erzieherinnen Notizen zu den Mädchen und zu Ereignissen für ihre Kolleginnen vermerkt. Die Notizen sind an Verachtung und Gleichgültigkeit nicht zu überbieten. Sehr oft wurden beispielsweise zur Strafe nach Entweichungen die privaten Sachen eingezogen, auch die private Unterwäsche und Schmuck. Weiterhin wird in der Quelle deutlich, dass die Mädchen nicht von den Erzieherinnen, sondern von anderen Mädchen („Funktionäre“ der Gruppe) mit Sacheneinzug, Rauchverbot, Taschengeldentzug, Stubenarrest schikaniert würden.

Das Übergabebuch wird für eine Quellenpublikation in der edition H vorbereitet, Erscheinungsdatum 2024/ 2025: edition H, Band 10, Materialien III – Arbeitstitel: TANZVERBOT LAUT FUNKTIONÄRSBERATUNG –